Weniger Solidarprinzip und mehr Orientierungslosigkeit in der Gesellschaft – und die Chance der Gemeinde

Es ist sehr spannend, was der Psychologe Stephan Grünewald zur mentalen Verfassung in der deutschen Gesellschaft durch tiefenpsychologische Interviews herausgefunden hat (eines der vielen Interviews kann man z.B. hier lesen: „Psychologe Grünewald über die aufgewühlte Gesellschaft in Deutschland“ – focus.de).

Unter anderem haben er und sein Team durch die Interviews entdeckt, dass der gesellschaftliche Konsens in Deutschland schmaler geworden ist.



Warum unsere Gesellschaft bröckelt

Ich bin kein Psychologe oder ausgebildeter Soziologe, aber nach meiner Wahrnehmung dürfte diese Feststellung auf mehrere Aspekte zurückzuführen sein:

Zerbruch der Gesellschaft – Quelle: https://pxhere.com/en/photo/1219999


– Die Globalisierung bringt neben vielen Vorteilen auch viele Nachteile. Aber vor allem nehmen wir die Welt etwas mehr in ihrer Komplexität wahr. Wir fangen an zu verstehen, dass wir nicht alles verstehen können. Unsere Beschränktheit wird uns vor Augen geführt. Schnell ist man dabei, sich als „Opfer“ zu sehen. Das frustriert und öffnet für einfache oder auch radikale „Lösungen“.


– Die Informationen der Medienwelt überreizen uns. Heute sind wir nicht mehr auf den einen Herold des Königs angewiesen. Auch nicht mehr auf den einen Volksempfänger oder die drei staatlichen Medien-Programme. Sondern heute haben wir die Auswahl zwischen Hunderten von Fernsehprogrammen, Millionen von Online-Videos, vielen Magazinen, Büchern und Online-Nachrichtenseiten. Einerseits sind wir damit umso mehr befähigt, uns ein eigenes Bild zu schaffen und nicht mehr auf „den einen Kanal“ hereinzufallen. Andererseits kann unser Gehirn die vielen Infos gar nicht verarbeiten. Damit werden wir wieder offener für einfache/radikale „Lösungen“.


– Die vaterlosen Gesellschaften nach den beiden Weltkriegen, die Suche nach Ersatz, das Brechen mit Traditionen, die Betonung des Individuums, die Loslösung von Kirche und anderen Institutionen haben nicht zu einer neuen oder besseren Mentalität in der Gesellschaft geführt, sondern zu mehr Puzzlestücken, die im Einzelnen kaum noch zueinander passen. Weil sich jeder selbst verwirklichen soll und darf, deshalb spielt die Gesellschaft als Gegenüber eine geringere Rolle als zuvor. Es geht nun um „mich und mein Glück – und da hat mir niemand reinzureden!“. Jedoch in der Praxis erfahren wir, dass wir uns nicht grenzenlos verwirklichen können, und dass wir einander brauchen. Das kriegen viele mental nicht zusammen. Sie fangen an, unter dieser Spannung zu leiden. Manche suchen dann ihr Glück hier und da, auch bei wechselnden Partnern, aber ahnen oft nur, dass sie sich bei jedem Partnerwechsel mehr Wunden zufügen und es ihnen immer schwerer fällt, tiefe und verlässliche Beziehungen zu leben.


– Und gewiss fordert auch die jahrzehntelange mediale Werbebeschallung ihren Tribut: Wer seit Jahren Werbesendungen sieht, Werbeplakate anschaut und erfährt, wie sich andere über ihr neuestes Shopping-Erlebnis austauschen, der wird nicht unbeeinflusst bleiben. In meiner Kindheit spielte ich im Wald oder drinnen mit Playmobil. Heute spielen „die“ Kids (Achtung! Verallgemeinerung!) mit ihren Smartphones und wünschen sich Gutscheine, um shoppen gehen zu können. „Ich shoppe, also bin ich!“, könnte ein passender Slogan sein. Da uns die Werbung aber einflüstert, dass wir erst zufrieden sein werden, wenn wir das Produkt gekauft haben, und wir dann das Produkt kaufen und merken, dass die Zufriedenheit nicht lange anhält, deshalb muss eine permanente Unzufriedenheit entstehen.

Das sind nur ein paar Gründe, weshalb unser Zusammenleben unsicherer geworden ist. Jede denkbare Krise (ob „Flüchtlingswellen“ oder „Epidemien“ oder „Börsen-Crashs“) kann uns dann in Mark und Bein erschüttern.
Denn unsere Gesellschaft hat keinen Halt mehr.

Chaos – Quelle: https://pxhere.com/en/photo/1585317

Positionierungen

Daher verstehe ich den Psychologen Grünewald und sein Team, wenn sie damit auch auf die Zerrüttungen in der Gesellschaft verweisen.
Dort die Rechtsradikalen, die offen ihre Stimme erheben. Da die Linksradikalen, die sich einzusetzen wissen. Hier die Salafisten. Dort die Health-Fitness-Jünger. Da die skrupellosen Kapitalisten. Hier die Ewiggestrigen, die die Moderne bedrohen. Und nun sogar auch die „Fridays for Future“-Leute!

Immer mehr positionieren sich die Menschen.
Besser gesagt: Oftmals „werden“ sie positioniert – von anderen.
Plötzlich ist es ganz nah geworden, sich nicht zu nähern. Dann verweigert man einfach den Dialog. Man beharrt auf den eigenen Argumenten und lässt die anderen Kompromiss-Angebote nicht gelten. Denn sie seien ja nicht radikal genug.

Natürlich stecken hinter all diesen Bewegungen auch sachliche Gründe. Natürlich muss über das Thema „Flucht“ geredet werden!
Natürlich müssen wir über ein zukunftsfähiges Gesellschaftssystem sprechen!
Natürlich müssen wir Maßnahmen ergreifen, um einerseits die Natur zu bewahren und andererseits, um unseren Wohlstand nicht zu zerstören.

Jedoch scheint der Mensch selten rein sachlich gesteuert zu sein.
Sondern eher emotional. Egoistisch. Oder wie es in der Bibel sinngemäß heißt: Der Mensch ist ein Sünder. Er lebt im Beziehungsbruch zu Gott, zu sich selbst und zu anderen.
Diese Zeiten fördern das womöglich mal wieder deutlicher zu Tage.

Das Aufbrechen der Sehnsucht

Aber zugleich wächst die Sehnsucht nach einer besseren Alternative, als alleine die für Deutschland. Ich würde diese Sehnsucht als eine Sehnsucht nach „Frieden“ bezeichnen. „Frieden“ im Sinne von „Shalom“, dem hebräischen Wort für das ganzheitliche Wohlsein. Umfasst sind Geist, Seele und Körper. Das Leben in guten Beziehungen. Im Reinen mit sich, anderen und Gott zu sein.

Leben im „Shalom“ – Quelle: https://pxhere.com/en/photo/1346079

Und Menschen werden wieder anfangen nach ihren kulturellen Wurzeln zu suchen. Manche werden wieder bei der Gemeinde Jesu, der Kirche, suchen. Deshalb werden die kommenden Zeiten eine Chance für die Gemeinde Jesu sein.

Doch die Menschen werden nicht nach Gottesdienstfeiern suchen.
Sie werden nicht nach schönem Orgelspiel und attraktiven Gemeindeprogrammen suchen.
Sondern sie werden umso mehr nach authentischen, wertschätzenden und verlässlichen Beziehungen suchen. Sie werden nach einem Halt suchen, denen ihnen eigentlich nur Gott geben kann. Nach Brüdern und Schwestern.

Sind die Christen vorbereitet?

Als Christen sind wir gut beraten, wenn wir uns vorbereiten. Zur Ehre Gottes. Und zur Hilfe für die Suchenden.

Daran arbeite ich.

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