Warum nicht „Kirche“? Berliner Kirchengeschichte

Wie hier erwähnt („Warum sind wir so skeptisch gegenüber der Kirche?„), beschäftige ich mich mit der Berliner Kirchengeschichte. Ich will wissen, weshalb viele Berliner zwar tolerant, aber nicht wirklich für Kirche sind, oder mitunter auch gegen die Kirche sind.

Ich will hier keine Details formulieren. Die liest man am besten selber durch. Ein sehr empfehlenswertes Buch ist das Buch „Berliner Kirchengeschichte“ von Klaus Fitschen.

Aufgefallen sind mir diese Aspekte (ich betrachte an der Stelle nicht die positiven Ereignisse, sondern nur die kritischen):

Schon früh haben sich Herrschaft und Christentum miteinander verbunden. Wenn ein Slawenfürst zum Glauben kam, dann galt das auch für seinen Stamm. Auch deshalb gab es einzelne Auseinandersetzungen, die u.U. weniger gegen das Christentum an sich gerichtet waren, sondern mehr gegen den anderen Fürsten eines Stammes. Doch im Zweifel konnte ein Angriff auf einen christlichen Fürsten mit einem Angriff gegen den Andersgläubigen gleichgesetzt werden.

– In den folgenden Jahrhunderten verbanden sich säkulare Herrschaft und das Christentum immer mehr. Bis dahin, dass die entsprechenden Regierenden festlegten, wen die Kirche einstellen durfte und wen nicht.

– D.h.: In weiten Teilen der Bevölkerung mussten „Herrschaft“ und „Christentum“ in einem Atemzug genannt werden. Die Kirche bzw. die Kirchenoberen waren mehr der Herrschaftsseite zuzurechnen und weniger der Seite der normalen Bevölkerung.

– Als die Aufklärung Einzug hielt, war sie durchaus noch von den christlichen Werten geprägt. Werte wie „Ehrlichkeit“, „Fleiß“, „Achtung des Eigentums anderer“ u.ä. waren anerkannt. Aber mit der Aufklärung meinten bestimmte Menschen, dass diese Werte auch ohne Gott umsetzbar wären. Man konnte  ein „guter“ Mensch sein, ohne einen Kirchenbezug (und damit Gottesbezug) haben zu müssen.

– Selbst manche Theologen ließen sich von der Aufklärung insofern anstecken, als dass sie die Bibel als rein historisches Machwerk verstanden und weniger als ein göttlich inspiriertes Buch. Zwar wurden diese Theologen von anderen Theologen hart bekämpft, aber mit der Zeit setzten sie sich immer mehr durch. Dabei spielten eben auch die säkularen Herrscher eine große Rolle, da sie Hofprediger beschäftigten und manch wichtige kirchliche Positionen besetzen konnten. D.h.: Die Skepsis am eigenen Glaubensbekenntnis wuchs. Das wurde kommuniziert, womit Teile der Bevölkerung davon ausgehen mussten, dass manch Pfarrer der biblischen Botschaft nicht mehr glaubt.

– Mit dem Einzug der Industrialisierung und der zunehmenden Urbanisierung wuchs die Not der Menschen vorübergehend. Schlechte Wohnverhältnisse, Kinderarbeit, Prostitution aus Verzweiflung waren einige Folgen. Die Kirche bemühte sich zwar mit Suppenküchen und anderen Diensten. Allerdings kam sie personell kaum hinterher. Es gab zu wenig Pfarrer und Diakone für zu viele Menschen. Zudem gab es einige christliche Dienste, die die kirchliche Moral offensiv nach Außen trugen. So gingen manche Missionare von Haus zu Haus, auch, um Moralpredigten zu halten, wenn uneheliche Paare entdeckt wurden. So gab es Moral statt nachhaltiger praktischer Hilfe.

– Auch der 1.Weltkrieg scheint mir eine – hier aus kirchlicher Sicht – heftige Phase gewesen zu sein: Etliche Pfarrer plädierten für den Krieg und trieben in Predigten zum Kampf für das Vaterland an. Gewiss ein Resultat aus der Verquickung von säkularer und kirchlicher Macht.

Das sind nur einige Stichpunkte, ohne auch das verbrecherische Unterlassen und Tun weiter Teile der Kirche während des 2.Weltkrieges und des Umgangs mit jüdischen Menschen einzubeziehen (so weit bin ich in dem o.g. Buch noch nicht).

Wenn ich das zusammenfasse, dann stoße ich auf diese kritischen Aspekte:
1. Kirche zählte z.T. mit zu den Herrschenden. Das musste die Identifikation mit dem Volk erschweren.
2. Die Kirche sägte mit der Aufklärung nach und nach den Ast ab, auf dem sie saß: mehr und mehr zog sie ihre eigene Grundlage in Zweifel.
3. In Zeiten krasser Not half die Kirche zwar, wo sie konnte, aber die Mittel waren zu schmal.
4. Die Kirche trat punktuell als Moralprediger auf. Das zieht niemanden an.
5. Die Kirche trat für den Krieg ein. Sie heizte ein. Spätestens mit der grausamen Entwicklung des 1.Weltkrieges mussten die Kriegshetzerpredigten der Kirche auf die Füße fallen.

Schon Anfang des letzten Jahrhunderts hatten sich Millionen von Kirchenmitgliedern der aktiven Mitgliedschaft entzogen. Die Zahl der Gottesdienstteilnehmer wurde von Kritikern im Schnitt mit 11.000 pro Sonntag in Berlin angegeben. Selbst Aufrufe der Kirche, an bestimmten Sonntagen Gesicht zu zeigen, steigerte die Zahl nur kurzzeitig und blieb dennoch unter 100.000 Gottesdienstteilnehmern.
D.h.: Schon vor über 100 Jahren hatte die Kirche bei einem Großteil der Bevölkerung den Zugang verloren. Oder es wurde offenbar, dass sie diesen Zugang so nie gehabt hatte.

Warum sind wir so skeptisch gegenüber der Kirche?

Seit Tagen beschäftige ich mich mit der Berliner Kirchengeschichte. Der Hintergrund ist der: eine recht traditionelle Gemeinschaft von Christen möchte sich mehr für ihre Nachbarschaft öffnen. Ich soll dabei helfen. Abgesehen davon ist es eine grundsätzliche Frage für mich: Warum sind so viele Berliner verschlossen gegenüber dem Evangelium?

Nachdem ich viele Jahre Christ bin, wundere ich mich mehr und mehr, wie man dagegen sein kann. Ich erfahre, wie Menschen heil werden, innerlich wie äußerlich. Wie Menschen Frieden in ihrem Herzen finden. Wie Ängste weichen. Wie das Leben von Menschen aufblüht, wenn sie anfangen, mit Jesus zu leben. Vergebung geschieht. Belastungen lösen sich auf. Frieden kehrt ein. Kurzum: Ich erfahre das Leben mit Gott als etwas sehr Gutes. Wieso sollte man dagegen sein?

Nun sind nicht alle Berliner dagegen.
Viele sind auch tolerant, solange man sie nicht bedrängt. Geht mir ja selbst so: ich will auch nicht bedrängt werden.
Manche sind auch gleichgültig.

Aber Tatsache ist, dass es bei ca. 6 Millionen in Berlin-Brandenburg maximal 1,5 Millionen Kirchenmitglieder gibt (inkl. Freikirchen, Orthodoxe, Migrantengemeinden, RKK usw.). Es wäre sehr idealistisch, wenn man davon ausgeht, dass diese 1,5 Millionen auch wirklich an Jesus Christus, den Sohn Gottes glauben. Wenn man die durchschnittlichen Zahlen der Gottesdienstteilnehmer als Grundlage für einen Jesus-Glauben nimmt, dann könnte man bei ca. 40.000 – 50.000 Christen in der Region Berlin-Brandenburg landen. Das könnte realistisch sein, vielleicht auch sehr pessimistisch. Andere schätzen, dass es vielleicht 500.000 Christen gibt. Wer kann schon über den Glauben eines anderen urteilen!?
Wie dem auch sei: Auf jeden Fall sind es nicht 1,5 Millionen, da sich viele Menschen für Christen halten, nur, weil sie Kirchenmitglied sind – aber Jesus folgen sie nicht nach. Sie zahlen ihre Kirchensteuer, gehen zum Weihnachtsgottesdienst, wollen eine kirchliche Beerdigung. Aber ansonsten spielen Kirche, Glauben und Jesus in ihrem Leben keine Rolle.

Im besten Fall sind also knapp 10% der Berlin-Brandenburger Christen. Im schlechtesten Fall sind es noch nicht mal 1%.

Was ist da los?