Corona-Regeln und die Kirchen – Gedankensplitter

Ich bin bislang selten auf Nachdenklichkeit gestoßen, viel mehr auf ein Hinnehmen der aktuellen Lage und Beschlüsse. Womöglich beruht diese mangelnde Reflektion auf der Hoffnung, dass dieses Corona-Szenario bald vorbei ist.

Meine Vermutung ist eine andere: Ich gehe eher davon aus, dass die jetzige Phase länger andauern wird als uns lieb ist. Und ich kann mir sogar vorstellen, dass nach Covid19 ein anderes Virus entdeckt wird, das wiederum Anlass sein wird, um die bestehenden Regelungen – mehr oder weniger – fortzuführen. Ich lasse mich gerne eines anderen belehren und lasse mich noch lieber positiv überraschen. Dennoch richte ich mich nach und nach auf eine „neue Weltordnung“ ein. Das war von Beginn der Krise an mein Bauchgefühl (auf das man nichts geben muss, weil es sachlich und naturwissenschaftlich wirklich kein ausschlaggebendes Argument ist… auf das Bauchgefühl hören…).

Bereits jetzt verändert sich Kirche, und Stärken als auch Schwächen werden deutlich. So ist diese Krise eigentlich eine Chance, damit Kirche lernen kann. Vor allem, wenn wir als Christen davon ausgehen, dass unser Gott um all das weiß, Er Seine Pläne durchsetzen wird und uns schließlich alles zum Besten dienen wird.

Eine der deutlichsten Veränderungen sind die offenkundigen: die Kirche taucht nun vermehrt im Internet auf. Online-Predigten, Gottesdienstfeiern als Livestream und Videochats gehören zur neuen Normalität. Sogar das Abendmahl wird zum Teil online „miteinander“ gefeiert. Ironie on: Wird es eines Tages auch Online-Taufen geben? Ironie off.

Ebenso deutlich wurde, welche kircheninternen Beziehungen existieren: Wer hat trotz Abstandsgebot mit wem Kontakt und pflegt Beziehung? Wer fällt unter den Tisch? Wo blühen Beziehungen auf? Wo schlafen sie ein – oder auch: Wo waren sie im Grunde nie wirklich vorhanden? Die Kirche als eine Bewegung der Gemeinschaft der Liebe: Inwieweit ist sie das? Die Krisenzeiten offenbaren es.

Es scheint mir, als würde Kirche aber immer noch um den Wunsch kreisen, möglichst bald wieder ganz normale Gottesdienstfeiern zu haben. Mancher wünscht sich das alte Programm zurück. Vielleicht wird auch deshalb versucht, das alte Format in das Internet zu ziehen: Jetzt findet die Gottesdienstfeier eben weniger analog statt, sondern digital.
Der Kern bleibt derselbe.
Nur der Rahmen hat sich bewegt.
Weiterhin hofft man, durch ein attraktives Angebot möglichst viele Menschen in den Saal bzw. vor den Bildschirm zu ziehen. Mental steckt da noch viel „Komm-Struktur“ drin. Die Herausforderungen bleiben die gleichen: analog konkurriert die Kirche mit Konzerten, Sport-Events, Brunch-Treffen, Spaziergängen und Ausschlafern. Digital konkurriert die Kirche nun mit Youtube-Stars, Netflix und dem üblichen Fernsehprogramm. Zwar ist die Hemmschwelle für Interessierte und Suchende digitalerweise niedriger (denn digital kann ich jederzeit wegklicken und muss mit niemanden tatsächlich in Beziehung treten), aber dafür dürfte auch der Grad der persönlichen Betroffenheit niedriger sein. Gestärkt wird nicht die Einstellung eines Jesus-Nachfolgers, sondern die Konsumentenhaltung: „Wenn mir diese Online-Gottesdienstfeier nicht gefällt, klicke ich halt eine andere an.“ Oder übertragen auf manch ältere Geschwister: „Ach, das mit der Internet-Predigt ist nicht meins. Ich schaue lieber den Fernsehgottesdienst.“
All das sind die üblichen Muster, nach denen Kirche weitgehend in den letzten Jahrzehnten, eher Jahrhunderten, gelebt hat.
Daher ist der kirchliche Eintritt in das digitale Zeitalter für mich keine tiefgehende Veränderung, kein wesentliches „Wir haben dazu gelernt!“, sondern die Fortführung des Bisherigen mit anderen Mitteln.

Dabei könnte uns viel verloren gehen.
Ein Beispiel:

Wie gestaltet man mit diesem Digital-Format oder auch den Abstandsregeln eine kirchliche Arbeit für Kinder und Jugendliche? Oder für Familien?


Es gibt Gemeinden, die sich auch hier völlig auf das Internet konzentrieren: die Kinderstunde gibt es nun auf dem Bildschirm.
Woanders wird der vorsichtige Direkt-Kontakt vor Ort gewagt: Man trifft sich, aber mit Maske, Desinfektionsspray und dem 1,5-Meter-Abstand.
Kontaktspiele, Bewegungsspiele und das gemeinsame Singen finden nicht statt. Es sei zu gefährlich.
Wenn das so weitergeht, könnte die Kirche eine Generation verlieren. Denn ein Kindertreff mit Still-Sitzen ist nicht sonderlich attraktiv. Und der Disney-Channel ist definitiv spannender als das Kinder-Digital-Angebot der Kirche.
Ist uns das bewusst? Dass wir gerade in Gefahr stehen, den Anschluss an Kinder und Familien zu verlieren?

Oder wie ist es mit dem gemeinsamen Singen?

Ich verstehe noch immer nicht, wieso das gemeinsame Singen mit Gesichtsmaske untersagt sein soll (so lautete bislang die kirchliche Ordnung in Berlin-Brandenburg). Aber wie dem auch sei: je länger dieser Zustand andauert, desto weniger lernen Kinder das Singen. Sehr zugespitzt gefragt: Wächst eine gesangslose Generation auf?
Kirchengeschichtlich frage ich: Wann wurde jemals der musikalische Lobpreis Gottes verboten? Bislang doch nur im Kontext der verfolgten Kirche, oder? D.h.: In Diktaturen oder ideologisch geführten Staaten.
Biblisch-theologisch muss ich auch fragen: Darf uns der gemeinsame Gesang verboten werden? Steht die Gesundheit höher als der gesungene Lobpreis Gottes? Und wie wollen wir das künftig handhaben, selbst bei angenommener Stilllegung des Virus? Wird es in der Erkältungs- und Influenza-Saison dann keinen Gesang mehr geben, weil man sich ja anstecken könnte?

Wie funktionieren Taufen mit Abstandsregelungen?
Wie funktioniert das Abendmahl, wenn keine Gegenstände herumgereicht werden dürfen?

Und wie entwickelt sich eine Kirche, die bereit ist, bei Virengefahr Sakramente, Gesang und Treffen auszusetzen oder so zu handhaben, dass diese inhaltlich verzerrt werden? Wer ist der Gott der Kirche?

Wenn ich so schreibe und frage, dann ist mir schon klar, dass ich zugespitzt formuliere. Aber das scheint mir auch nötig zu sein, weil ich für meinen Geschmack zu viel Gedankenlosigkeit und eine fast fatalistische Haltung in Kirchenkreisen wahrnehme.

So befürchte ich, dass Kirche in dieser Zeit nicht wirklich lernt und eine Chance verpasst. Möglicherweise wird sie nicht für das gewappnet sein, was kommen wird: eine stärker zerrissene Gesellschaft, bedingt durch politisch visionsschwache Leitung, bedingt durch stimmungsmachende Leitmedien, bedingt durch wirtschaftliche Zusammenbrüche… und vielleicht sogar bedingt durch eine weitgehend irrelevante Kirche.

Hoffnung hätte ich, wenn Kirche in diesen Zeiten darüber beten, denken und reden würde:

Wir brauchen zuerst ein erfrischtes Herz, geboren aus der gelebten Nähe Gottes.

Wir brauchen mutmachende Beziehungen zwischen Jesus-Nachfolgern, damit wir im Alltag im Sinne Christi leben können.

Wir brauchen ein Mitfühlen mit der Welt, das uns zu den Menschen und zur Schöpfung hinbewegt.

Die Form ist bei alledem nicht egal. Sie ist prinzipiell im Neuen Testament zu entdecken. Denn wie wir sehen: die Form macht was mit uns. Eine digitale Form wirkt anders als eine analoge Form. Eine zentrale Form wirkt anders als eine dezentrale. Eine programmorientierte Form wirkt anders als eine beziehungsorientierte. Welche Form soll die Kirche in Zukunft haben? Welcher Inhalt soll sie federführend bestimmen?

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