Eine mögliche Zukunft für das Christentum in der westlich geprägten Gesellschaft – Teil 1

Die Corona-Krise dauert nun schon über 1,5 Jahre.
Etliches hat sich in der Zeit bewegt: Die sog. Digitalisierung hat – oft unter Verletzung des Datenschutzes – rasch Einzug gehalten. Viele Gemeinden haben Livestreams für ihre Gottesdienstfeiern eingerichtet. Es gab und gibt z.T. noch Videochats für Gemeindegruppen. Das hat alles Vor- und Nachteile. Zum Beispiel, dass es ein größeres Online-Angebot von Christen gibt als je zuvor. Aber es gibt auch kritische Aspekte davon: Es kann mehr Überwachung und Kontrolle von Gemeinden geben, weil Daten von Gemeinden auf Computer-Servern gespeichert werden.

Einige Gemeinden haben auch erlebt, dass Menschen seit der Krise und den digitalen Möglichkeiten seltener den Weg zum Gottesdienst-Treffpunkt auf sich nehmen. Man kann ja auch zuhause sitzen am Bildschirm, einen Kaffee trinken und, sollten Musik oder Predigt nicht gefallen, den Livestream einer anderen Gemeinden anschauen. Oder auch mal gar nichts Frommes anschauen und stattdessen ausschlafen und eine Netflix-Serie gucken.

Mein persönlicher Eindruck ist, dass es auch schwerer geworden ist, die jüngere Generation an Bord zu halten. Ich kenne eine Gemeinde in Potsdam, bestehend aus wirklich älteren Semestern, die z.T. noch den 2.Weltkrieg erlebt haben und als Christen gemeinsam durch die DDR-Zeit gingen. Diese Leute stehen zusammen, egal, was kommt. Ob Krieg ist oder eine Krise andauert: fast nichts kann sie von den gemeinsamen Treffen abhalten.
Aber wir haben mittlerweile eine Gesellschaftsprägung, in der es viel darum geht, dass ich als Individuum vor zig Entscheidungen gestellt bin. Kaufe ich die Hosen von der Firma X, Y oder Z… oder doch lieber von C? Welches Fernsehprogramm schalte ich ein? Ich habe immerhin eine Auswahl von Hunderten von Programmen. Gleiches gilt für andere Medien und Produkte. Auch die Berufswahl ist längst nicht mehr vorgegeben. Wenn in viel früheren Zeiten der Vater Schuster war, dann wurde der Sohnemann auch Schuster. Heute muss der Sohnemann zwischen Hunderten von unterschiedlichen Ausbildungsangeboten wählen. Schließlich: wer in der Großstadt lebt – und das tun aufgrund der Urbanisierung immer mehr Menschen -, der hat die Wahl zwischen Hunderten von Freizeitangeboten: Kino, Theater, Museum, Schwimmbad, Kartfahren, Radfahren, Naturspaziergang, Kneipenbesuch, Brunchen, Sauna, Workshops, Seminare, Tage der offenen Türen, Tennis spielen, Diskobesuch, Umweltschutz-Engagement, Sightseeing usw.

Und die Kirche ist dabei für etliche Menschen offenkundig ein Anbieter unter Tausend anderen. Zumeist haben die Kirchen ein Angebot, das längst nicht – wirklich längst nicht – so attraktiv rüberkommt wie Instagram, TikTok, Youtube oder wie die professionellen Shows von Massen-Events.

Die Kirchen sind auch nicht mehr der hauptsächliche Anbieter von Spiritualität. Es gibt islamische Gruppen, buddhistische Gruppen, esoterische Gruppen, hinduistische, jüdische Gruppen, heidnisch-religiöse Gruppen bis hin zu Menschen mit einem persönlichen Mix an Alltagsglauben oder bis hin zu Atheisten, die sich mitunter auch schon fast religiös darstellen können.

Es mag noch viel mehr Facetten in alledem geben. Aber vielleicht wird durch diesen kurzen Abriss schnell deutlich, dass es für jüngere Menschen ziemlich schwer sein kann, eventuell sogar eher unmöglich sein muss – den Überblick zu behalten. Vielleicht ist es auch menschlich, sich dann eher den Angeboten zuzuwenden, die einem möglichst schnell den „Kick“ geben. Und das sind heutzutage sehr stark die bunten, beweglichen und hörbaren Videos im Internet, die Geschichten erzählen… und all das oft in Verbindung mit dem Empfinden einer sozialen Zugehörigkeit, wo es darum geht, ob man „drin“ oder „draußen“ ist. Und was setzt die Kirche gegen diese mediale Massenberauschung ein?

Livestreams von Gottesdienstfeiern.

Sollte das die Antwort der Kirche sein?
Zieht das die jungen Leute in Scharen herbei?
Offenkundig nicht.

Ich bin nicht gegen Livestreams und Videochats. Diese Möglichkeiten haben auch Vorteile. Aber sie ersetzen niemals die persönliche Begegnung.

Und wer meint, dass die digitalen Techniken jetzt das „Ding“ wären, das den Kirchen einen Schub nach vorne verpasst, der hat m.E. nicht die Weite und Tiefe der Krise verstanden.

Die Corona-Krise hat fraglos einen großen Teil dazu beigetragen, aber im Grunde ist die Kirche schon viel länger in der Krise. Denn unsere Gesellschaft ist mittlerweile post-christlich.

Wären wir prä-christlich, könnte die Kirche sagen:
„Toll! Keiner hat Ahnung vom christlichen Glauben, wir betreten unbekanntes Land. Ab geht’s in die Mission!“

Aber wir sind in einer post-christlichen Ära!
Das heißt: Viele Menschen um uns herum haben sehr wohl eine Vorstellung vom christlichen Glauben. Es tut erstmal nichts zur Sache, dass diese Vorstellungen oftmals irrig sind. Fakt ist: Die Kirche betritt kein Neuland, sondern eher sowas wie verbrannte Erde.

Ich weiß, dass das sehr pauschaul formuliert ist, aber ich will damit die Sache auf den Punkt bringen.
Stelle dir vor, du hättest wirklich keine Ahnung vom christlichen Glauben. Deine ersten Informationen kämen überwiegend aus dem sog. Mainstream, also von den finanzstarken Medien, die am meisten Menschen erreichen. Welches Bild von Kirche würde entstehen?
Mindestens ein kritisches Bild, denn man würde von Missbrauch-Kriminalität in der Kirche lesen, von scheinbar nicht mehr angemessenen ethischen Entscheidungen der Kirchen-Oberen („…wie im Mittelalter!“) oder davon, dass die Kirche Mitglieder verliert.
Wäre das attraktiv?
Nee, zu so einem Verein will man nicht gehören. Was muss das denn für ein Glaube sein, der Mitglieder verliert und Skandale produziert!?

Und ich befürchte, dass viele nicht-christliche Menschen eben so ein Bild vom christlichen Glauben und der Kirche haben.
Kirchen betreten in unserer Gesellschaft also kein Neuland, sondern ein Land mit kritischen Bürgern, die bei Christen eher an Hexenverfolgung, Kreuzzüge, Heuchelei und Straftaten denkt, statt daran, eine Lebenshilfe erhalten zu können.

Spätestens der Blick in gesellschaftliche Entwicklungen macht die post-christliche Ära deutlich:

Im Wahljahr 2021 haben etliche Parteien wie die SPD, die Grünen oder die Linken vor, Abtreibung weiter zu legalisieren. Man bedenke: Abtreibung ist das „Abtreiben“ eines noch ungeborenen Lebewesens… eines menschlichen Lebewesens! Dieses Leben wird von der Mutter getrennt und stirbt. In der vormals eher von christlichen Werten geprägten Gesellschaft war das ein Unding.
Noch in den 60’er Jahren galt es in Deutschland als sittenwidrig, wenn ein unverheiratetes Paar gemeinsam ein Hotelzimmer buchte. So ein Vertrag galt als nichtig, weil er eben sittenwidrig war. Heute können „alle“ in einem Hotelzimmer übernachten.
Lange war es Standard, dass es zwei Geschlechter gibt: Mann und Frau. Und sollte ein Mann sich eher zu Männern hingezogen fühlen, dann galt er als homosexueller Mann. Heute gibt es mit Steuergeldern finanzierte Lehrstühle an zig Universitäten, die die Vielzahl der Geschlechter untersuchen und im Grunde fördern sollen. Der biologische Unterschied spielt kaum noch eine Rolle. Jetzt geht es darum, dass man sich sein Geschlecht aussuchen kann (s.o.: eine Gesellschaft mit einer Vielzahl von Angeboten für das Individuum). Wird an den Unis auch eine christliche Ethik zur Geschlechtlichkeit erforscht und gefördert? Vergiss es.
Vor wenigen Jahrzehnten war es normal, dass man sich taufen und konfirmieren lässt. Heutzutage kann man auch die Jugendweihe mitmachen oder man lässt einfach alles sein.

Gewiss könnte noch mehr aufgezählt werden.
Und klar ist auch das: mit alledem soll nicht gesagt werden, dass damals alles besser war. Damals wurden unverheiratete, schwangere Frauen geächtet und verstoßen. Rigoros vorgetragene Moralbotschaften der Kirchen durch Moralapostel waren mehr Unterdrückung und Machtmissbrauch als Unterstützung für das Leben. Damals war das Bewusstsein der Kirche für die Bewahrung der Schöpfung sehr gering vorhanden. Damals – wie heute – gibt es Waffenlieferungen, Kriege, Menschenhandel und eine Drogenwirtschaft… und die Kirche mischt sich wenig ein oder beteiligt sich sogar am Elend (man denke an manche Finanzeinflüsse des Vatikan).

Doch bei aller nötiger Relativierung ist es nicht zu leugnen:
Christentum ist nicht „in“. Kirche ist nicht attraktiv.

Der christliche Glaube stößt eher auf Skepsis statt auf Interesse.
Und die Zeichen der Zeit deuten nicht darauf hin, dass sich all das bald ändern wird.

Da wird uns kein Livestream retten, keine peppige Gemeinde-Homepage und auch nicht das vielfältigste Gemeindeprogramm aller Zeiten.

Die soziale Realität der Kirche in der kulturell westlich geprägten Gesellschaft ist die:
Für die Mehrheit sind wir egal, höchstens mal einen Aufreger wert.
Man will nicht viel mit uns zu tun haben.

Teil 2 folgt.

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